vollends anders als noch vor grad zwanzig jahren – der ländliche raum entwickelt sich prächtig – ist das ludwig-donau-main-kanal anligende wappersdorfer schleusengehöft #29 heut fast nur noch von unterwasser aus zu ertragen:
[aquarell: mg]
als »historisches wahrzeichen der ingenieurbaukunst in deutschland« hat die bundesingenieurkammer 2018 den ludwig-donau-main-kanal geadelt. naja. was von dem übrig war halt: 1836 bis 1846 erbaut, hundert jahre später – 1950 – stillgelegt, in den 60ern auf einen teil den frankenschnellweg draufgepackt, dann einen anderen teil vom blockbuster main-donau-kanal verdrängen lassen.
[karte aus: der ludwig-kanal; friedrich schultheis; nürnberg, 1847; in db deutsches museum]
1978 aber wurden kanal (D-3-73-146-76), erdbauten (D-3-6834-0240) und schleusenhäuser (D-3-73-146-74 et al.) vom blfd als bau- oder bodendenkmal gelistet und somit vor unnötiger weiterer mutwilliger erosion geschützt.
zur ortsumfahrung der B299 von mühlhausen wurden 2017 solide 21,9 mio euro zugedacht, diese dann auch ende 2018 fertiggestellt:
[blick von ost-ufer an schleuse #29 nach sw; photo: js]
während der kanalbrücke blaues stakettengeländer der farbe des ludwig-kanal-wassers respekt zollt, schmiegt sich die elegant-schwungvolle trassenführung auf gut erhabenen damm ans schleusengehöft #29 nahezu an, lässt dies nunmehr aus aughöhe geniessen. der wohlmöglich unterstellten asphyxiophilie des kanals dient sich überaus wirkungsvoll die fies knapp bemessene spannweite vorgenannter brücke an, gerade ihre westliche aufschüttung stranguliert nicht nur den ludwigkanal, würgt – wie nebenbei – auch noch den hier abschüssigen fuss- und radweg sportlich verengt und schnell ums eck durch die unterführung.
[blick von frischer b299-kanalbrücke auf schikane & schleuse #29; photo: mg]
ein narr, der dies als blosse dummheit, gnadenlose ignoranz oder verkommenste verachtung unter ingenieur*innen liest, ein tor, den das erotische spiel des miteinanderringens von miv-trasse und wasser-rinne nicht erregt, dem die tropfende betonbrücke über der hakenschlagenden schikane kein aufregend ereignis auf trostlosem treidelpfad beschert.
[blick von umgehung b299 auf schleusengehöft #29; photo: mg]
und schon spriessen entlang der umgehung logistikzentren, fitnessdinger und parkieranlagen aus dem boden, stellen sich den denkmälern und historischen wahrzeichen der ingenieurbaukunst zur seite, schaffen gemeinsam ein vermutlich nachhaltiges ensemble aus natur, ingenieurwesen, architektur und noch irgendwas.
[katasterplan ca. 2004; luftbild mit eintragung denkmäler, blfd, 2025]
den dehns gehts zwar nur um blitze, aber vielleicht ist das eigentlich schon genau der punkt, das schützen nicht unbedingt was mit bewahren zu tun haben muss.
[auch vor dehns schutz konnte gott hier nix bewahren; photos: mg]
… nach der gartenstadt kommt dem kanalbett noch einmal für ein paar hundert meter der fortschritt dazwischen, aber danach hat man ihn zügig in ruhe gelassen. aber es ist absehbar, daß man dem altwasser trotz denkmalschutz und naturaufpassern demnächst wieder an den kragen geht. denn die natur ist im begriff, sich den ludwigskanal wieder einzuverleiben. in den schleusenkammern wachsen vergißmeinicht und wilde kirschen, sauerampfer und spitzwegerich. an den ufern blühen lilien und butterblumen. denen und den eichelhähern, den krähen und kreuzottern, karpfen, schleien, brombeerhecken, den schwarzbeerzupfern und dorfindianern wird das straßenbauamt bestimmt bald wieder einmal aufweisen, wo der barthel den most holt, beziehungsweise den beton.
klaus schamberger in: der alte kanal, damals und heute; liedel, herbert; dollhopf, helmut; würzburg 1981; ISBN 3800301547